Wie wir Zivilcourage wissenschaftlich betrachten

Forscher und Wissenschaftler Dr. Stephan Thomsen von der Leibniz-Universität untersuchen die Wirksamkeit des Social-Media-Einsatzes für die Gewaltprävention.

Mit der Rubrik „Vier Fragen an …“ möchten wir unterschiedliche Meinungen und Einstellungen aus verschiedenen Blickwinkeln zum Thema Zivilcourage vorstellen und haben eine ganze Reihe an wichtigen Partnern und Experten befragt. Heute: Professor Dr. Stephan Thomsen von der Leibniz-Universität Hannover. Er untersucht die Wirksamkeit  unseres „Zivile Helden“-Einsatzes für die Gewaltprävention und bereitet eine ökonomische Analyse auf. 

1. Was ist ein ziviler Held für Sie? Was macht für Sie ein ziviler Held aus?

Eine zivile Heldin bzw. einen ziviler Held zeichnet sich aus meiner Sicht durch eine charakterliche Grundhaltung aus. Jeder Mensch, der in seinem Handeln explizit und deutlich auch die Folgen für die Mitmenschen berücksichtigt, kann eine zivile Heldin, ein ziviler Held sein. Aktives Eintreten für unser gemeinschaftlichen Werte und Regeln, die wir uns als Gesellschaft gegeben haben, um freiheitlich, offen und sicher leben zu können, ist hierbei eine wichtige Eigenschaft. Dieses Handeln steht dabei nicht im Widerspruch zu Individualität, sondern ist – ganz im Gegenteil – wichtige Grundlage zu ihrer Ermöglichung.

2. Wie lassen sich die Einstellungen und Werte der Bürger realitätsnah erforschen?

Einstellungen und Werte sind Gegenstand vieler Disziplinen und spielen auch in der Ökonomie eine große Rolle. Gerade für die Akzeptanz wirtschaftspolitischer Entscheidungen – und hierzu gehört insbesondere die Einnahme öffentlicher Gelder über Steuern und Abgaben und ihre Verwendung für die verschiedenen gesellschaftlichen Aufgaben – ist eine gute Kenntnis der Einstellungen und Werte unerlässlich. Sie werden entsprechend mit unterschiedlichen Methoden schon seit langer Zeit erfasst, z.B. durch Erhebungen, Experimente oder abgeleitet aus menschlichen Handlungen. Einstellungen und Werte in der Gesellschaft sind aber nicht starr und unveränderlich, sondern reagieren auf gesellschaftlichen und kulturellen Wandel. Da hier Empfindungen häufig stärker wiegen als Fakten, ist es die Aufgabe der Wissenschaft, zu einer Evidenz-basierten Diskussion beizutragen.

3. Bezogen auf Ihre bisherigen Erkenntnisse, wie gehen die Bürger mit Zivilcourage um?

Zivilcourage ist eine besondere Form individuellen Engagements. Sie unterscheidet sich z.B. von Hilfsbereitschaft, da sie neben einer ihrer Uneigennützigkeit auch eigenes Risiko beinhaltet. Für das gesellschaftliche Ziel wird eigener Schaden in Kauf genommen. Wichtig ist, dass es sich nicht zwingend um physische Gefahr handeln muss, sondern sich auch um materielle oder finanzielle Einbußen handeln kann.

Eine aktive, demokratische Gesellschaft bietet dabei gute Voraussetzungen für Zivilcourage. Wichtig ist aber, dass sich die Menschen des Nutzens der Werte und gesellschaftlichen Ziele bewusst sind, um für diesen einzutreten. Das beginnt bereits im kleinen alltäglichen Umfeld z.B. beim Mobbing, das langfristige psychische Kosten für die Betroffenen und damit für die Gesellschaft bedeuten kann, und geht weiter bis zu den großen Themen wie dem Klimawandel, gegen den gerade die Schülerinnen und Schüler in ihren Demonstrationen aktives Handeln der Gesellschaft einfordern.

4. Wie lässt sich die Sensibilität der Bürger hinsichtlich Zivilcourage durch Forschung erhöhen?

Die Sensibilität lässt sich durch Verdeutlichung der Folgen von unsozialem oder kriminellem Verhalten für die Betroffenen und die Gesellschaft verdeutlichen. Die Artikulation der Kosten kann hierbei sicher helfen. Um Beispiele zu nennen, könnten die Kosten sein, die später z.B. durch Steuern (für Polizei, Justiz etc.) oder durch Krankenkassenbeiträge (für die Milderung der physischen und psychischen Leiden von Betroffenen) gedeckt werden müssen. Damit die Forschungsergebnisse und Erkenntnisse aber die Bürger erreichen, muss die Forschung sie erreichen. Hierzu ist auch die Wissenschaft gefordert in den modernen, meinungsbildenden Medien zu kommunizieren. Die Forschung kann schließlich nur etwas bewegen, wenn sie auch ankommt.

 

Link: Prof. Dr. Thomsen an der Leibniz-Universität 

Link: Weitere Informationen zum Forschungsansatz

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